Gedenkstätte Köpenicker Blutwoche erhalten und Ausbau bis 2033 umsetzen!
Berlin, den 15. April 2026
An:
- Kai Wegener (Regierender Bürgermeister von Berlin)
- Sarah Wedl-Wilson (Senatorin für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt)
- Oliver Igel (Bürgermeister des Bezirks Treptow-Köpenick)
- Marco Brauchmann (Bezirksstadtrat und Leiter der Abteilung Weiterbildung, Schule, Kultur und Sport)
- Wolfgang Schyrocki (Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Finanzen und Vorsitzender des Aufsichtsrates der BIM)
- Birgit Möhring (Kaufm. Geschäftsführerin der Berlin Immobilienmanagement GmbH)
- Dr. Matthias Hardinghaus (Technischer GF BIM)
Mit großer Bestürzung und wachsender Sorge verfolgen wir die seit Jahren schleppende und zunehmend widersprüchliche Entwicklung rund um die Gedenkstätte Köpenicker Blutwoche unter der Obhut des Bezirksamtes Treptow-Köpenick.
Die Geschehnisse vom Juni 1933, die an dem besonderen historischen Ort dokumentiert werden, sind eines der frühesten Beispiele nationalsozialistischer Herrschaftsgewalt im öffentlichen Raum. Die historische Verantwortung und die Verpflichtung zur aktiven Erinnerung sind allgemein unstrittig. Doch dem wird die Behandlung der Gedenkstätte durch Politik und Verwaltung auf Bezirks- und Landesebene in keiner Weise gerecht.
Zwischen dem 21. und 26. Juni 1933 verhaftete, misshandelte und ermordete die SA in Köpenick systematisch politische Gegner und Gegnerinnen. Mehrere hundert Menschen – Juden, Gewerkschafter, Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, Kommunistinnen und Kommunisten, kommunale Politikerinnen und Politiker – wurden verschleppt, misshandelt und gedemütigt. Mindestens 23 von ihnen wurden ermordet oder verstarben an den Folgen der Misshandlungen, unzählige weitere blieben ihr (oft nur noch kurzes) Leben lang körperlich und seelisch gezeichnet. Unter den brutal Getöteten: der ehemalige Ministerpräsident Mecklenburgs, Johannes Stelling (SPD), der Betriebsrat Richard Julius Aßmann und der Unternehmer Georg Eppenstein, eines der ersten Todesopfer antisemitischer Gewalt in Deutschland nach der nationalsozialistischen Machtübernahme. Die Ereignisse dieser Woche markieren einen Wendepunkt im Übergang von einer Demokratie zu einer Diktatur. Diese Taten geschahen offen, auf der Straße, in Wohnungen, in Gaststätten, im ehemaligen Amtsgefängnis – und wurden international als das wahrgenommen, was sie waren: ein Fanal der Barbarei.
Seit 1987 existiert im ehemaligen Amtsgefängnis eine Gedenkstätte – in den 1990er Jahren überarbeitet und dennoch: notdürftig untergebracht, räumlich begrenzt, konzeptionell veraltet. Erst 2013 konnte anlässlich des 80. Jahrestages des Beginns der „Köpenicker Blutwoche“ eine neue Dauerausstellung eröffnet werden, die auf dem neuesten Stand der Forschung erarbeitet worden war. Schon damals war klar: Die historische wie auch die aktuelle Relevanz verlangt nach einem Ort, der Forschung, Dokumentation und politische Bildung auf angemessenem Niveau ermöglicht. Neben dem Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße gibt es bisher keine Erinnerungsstätte in Berlin, die die Anfänge der NS-Herrschaft und die fatale Aussetzung der Grundrechte und der Gewaltenteilung vermittelt.
Um diese wichtige Erinnerungsarbeit auf ein anderes Fundament zu stellen, wurde 2016 ein hochkarätig besetztes Kuratorium einberufen, das bis 2018 ein fundiertes inhaltliches und räumliches Konzept für einen Erinnerungs- und Bildungsort von überregionaler Bedeutung am historischen Ort des ehemaligen Amtsgerichtsgefängnisses vorlegte. Dieses Konzept wurde im Februar 2019 von der Bezirksverordnetenversammlung Treptow-Köpenick beschlossen. Vorgesehen war die Vorbereitung der baulichen Ertüchtigung der gesamten Immobilie sowie die Planung eines Anbaus für die pädagogisch-didaktische Arbeit. Es folgten Ortstermine mit dem Bezirksamt, dem Landesdenkmalamt, der Unteren Denkmalschutzbehörde
Doch der Prozess wurde abrupt gestoppt. Im September 2021 übermittelte das Bezirksamt den BVV-Beschluss sowie das Gedenkstättenkonzept offiziell an die BIM – verbunden mit der Bitte, die Machbarkeit baulicher Maßnahmen zu prüfen. Ohne jede Rücksprache oder Abstimmung verlängerte die BIM jedoch im März 2023 den Mietvertrag mit dem Verein KUKUK e. V. für die restlichen zwei Drittel des Gebäudes – bis zum Jahr 2033. Dieses Vorgehen wurde dem Bezirksamt erst im März 2024 bekannt, als dieses einen Letter of Intent für die Umsetzung der Gedenkstätten-Erweiterung ab 2026 übersandte.
Diese Vertragsverlängerung durch die BIM widerspricht nicht nur dem klar artikulierten Bedarf eines Landesmieters – in diesem Fall einer öffentlichen Gedenkstätte –, sie stellt auch einen eklatanten Verstoß gegen das Prinzip politischer und verwaltungstechnischer Transparenz dar. Zudem wurde damit die Grundlage für das seit 2018 bestehende Gedenkstättenkonzept unterlaufen. Die Fachmitglieder des Kuratoriums, das dieses Konzept erarbeitet hatte, zogen sich im April 2024 nach acht Jahren ob der Aussichtslosigkeit der Umsetzung der entwickelten Planungen aus dem Prozess zurück – ein alarmierendes Zeichen.
Im Mai 2024 erklärte das Bezirksamt, dass eine vollständige Anmietung des Gebäudes nun frühestens ab 2033 möglich sei. Planung, Finanzakquise und Umsetzung werden somit um Jahre verzögert. Inzwischen scheint man sich im Bezirksamt gänzlich von den Plänen zum Ausbau der Gedenkstätte verabschiedet zu haben. Nicht einmal die Übernahme des Mietvertrages ab 2033 ist bisher geklärt. Erst auf mehrfache Nachfrage antwortete der zuständige Bezirksstadtrat Marco Brauchmann im April diesen Jahres, dass man nun mit der BIM sprechen werde – um den Mietvertrag ab 2033 abzusichern. Weitere sieben Jahre wird also nichts passieren.
Diese Entwicklung ist inakzeptabel.
Wir fordern:
- Lückenlose Aufklärung über die Entscheidungswege und Verantwortlichkeiten innerhalb der BIM im Zusammenhang mit der Mietvertragsverlängerung – einschließlich der Missachtung des BVV-Beschlusses und der Landesinteressen.
- Politische Korrektur dieser Fehlentscheidung durch die Ermöglichung einer vorzeitigen Bereitstellung der Liegenschaft für die Gedenkstätte.
- Bereitstellung eines adäquaten Ersatzstandorts für den Verein KUKUK e. V., um eine sozialverträgliche Lösung ohne Kulturverlust zu ermöglichen.
- Sofortiger Beginn der Planungs- und Finanzierungsmaßnahmen, um den Ausbau der Gedenkstätte spätestens bis 2033 voranzutreiben.
- Einbindung unabhängiger Experten und Expertinnen für Gedenkstättenarbeit, historisch-politische Bildung und Erinnerungsarchitektur zur Sicherstellung eines qualitativ hochwertigen und zukunftsfähigen Konzepts.
Die Gedenkstätte Köpenicker Blutwoche muss zu einem sichtbaren und wirksamen Ort der historischen Erinnerung und der wehrhaften Demokratie ausgebaut werden. Landesregierung und Bezirksverwaltung stehen in der politischen Verantwortung, die Zukunft des Gedenkortes sicherzustellen.
Pressekontakt:
Stefka Ammon | +49 (0) 162 9427074 | rettet-die-gedenkstaette@gmx.de
Yves Müller | +49 (0) 172 3932557
Homepage: https://www.rettet-die-gedenkstaette.de/
Unterzeichner und Unterzeichnerinnen:
Stefka Ammon, Künstlerin und stellv. Bürgerdeputierte im Ausschuss Weiterbildung und Kultur der BVV Treptow-Köpenick
Daniela Geppert, Historikerin und ehemaliges Mitglied des Kuratoriums der Gedenkstätte Köpenicker Blutwoche (2016–2024)
Stefan Hördler, Historiker und ehemaliges Mitglied des Kuratoriums der Gedenkstätte Köpenicker Blutwoche (2016–2024)
Yves Müller, Historiker und ehemaliges Mitglied des Kuratoriums der Gedenkstätte Köpenicker Blutwoche (2018–2024)
